Tag der Geschwister | Geschwisterstolz

07.04.2021 14:53

Die Geschwister Bareth

Sie hat ihn beim Erwachsenwerden begleitet, er ist mächtig stolz auf seine große Schwester: Die Geschwister Andrea und Helmuth Bareth aus Günzach und Kaufbeuren.

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Helmut Bareth, der kleine Bruder

Wie lange lebst du schon im Wohnheim?
Seit 2009, zuerst habe ich in der Hans-Böckler-Straße in Kaufbeuren gewohnt, vor fünf Jahren bin ich in die Wohnanlage Ganghoferstraße umgezogen.

Wie gefällt dir das Leben im Wohnheim?
Gut.

Was ist der Unterschied zwischen früher Daheim und jetzt im Wohnheim?
Im Wohnheim kann man viel mehr machen. Zuhause war es mir oft langweilig.

Möchtest du in der Ganghoferstraße wohnen bleiben?
Ja.

Was findest du daran gut?
Alleine in die Stadt oder in den Park gehen, sonntags gehe ich alleine in die Kirche, selber einkaufen gehen, Schwimmen gehen mit Dieter (vom Assistenzdienst ADI), meine Mitbewohner sind nett.

Was vermisst du?
Meinen Freund, wegen Corona können wir uns nicht treffen.

Besuchst du deine Schwester?
Ja, da bleibe ich dann über Nacht und wir besuchen den Friedhof und Verwandte.

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Andrea Bareth, die große Schwester

Als ich acht Jahre alt war, bekam ich einen kleinen Bruder. Zumindest hat man mir erzählt, dass ich ein Geschwisterchen habe. Gesehen habe ich ihn erst nach vielen Wochen in einer Münchner Klinik. Er war wirklich ein hübsches Baby, ich kann mich noch gut erinnern – vielleicht auch wegen eines Fotos, das ich noch heute habe. Er hatte ganz dunkle Haare und die Schwestern haben ihm ein hellgelbes Mützchen und Jäckchen angezogen. Einzig der Schlauch in der Nase war für mich irritierend.

Ich hatte mich so auf ihn gefreut, aber irgendwie war alles komplizierter, als ich mir das vorgestellt habe. Als er endlich nach Hause kam, war plötzlich er der Mittelpunkt und nicht mehr ich. Dies war ich aber acht Jahre lang gewohnt. Er brauchte viel Aufmerksamkeit, war immer wieder krank und nicht der Bruder, den ich mir vorgestellt hatte. „Du bist doch schon groß“, hieß es, wenn ich mal wieder das Gefühl hatte, benachteiligt zu sein.

Eine Freundin von mir hatte ungefähr zur gleichen Zeit einen kleinen Bruder bekommen. Mit ihm konnte man „richtig“ spielen, er lernte laufen und sprechen. Mein Bruder auch, allerdings erst viele Monate später. Ehrlich gesagt, habe ich das überhaupt nicht verstanden.

Entwicklungsverzögerung – dieses Wort stand dann plötzlich im Raum. Dieser Begriff war mir suspekt, was heißt das eigentlich? Es wird alles „normal“? Nur später?

Eine blonde, sehr nette Frau kam dann einmal wöchentlich zu uns nach Hause, eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe Ostallgäu, aus der Frühförderung. Das war eine super Sache damals, denn die Pädagogin hatte immer tolle Spielsachen dabei und ich durfte mitspielen.

Einige Zeit später rollte dann ein kleiner Bus in unseren Hof. Dieser holte meinen Bruder in den Kindergarten ab, später dann in die Schule und Tagesstätte in Kaufbeuren. Mittlerweile hatten wir als Familie natürlich verstanden, dass eine Behinderung vorliegt. Der Prozess damit umzugehen dauerte aber an.

Insgesamt lief es ganz gut, mein Bruder fühlte sich in den Einrichtungen er Lebenshilfe sehr wohl. Probleme tauchten aber immer wieder in unterschiedlicher Form auf, vor allem mit dem älter werden meines Bruders. Viele Gespräche, Therapien, Arztbesuche und ähnliches waren zu bewerkstelligen. Ich war immer stark mit eingebunden, denn ich war schon fast erwachsen.

Irgendwie war es auch von Anfang an klar, dass ich die gesetzliche Betreuung übernehme, falls unsere Eltern dazu nicht mehr in der Lage wären. Meine Gefühle waren damals zweigeteilt; Man spürt einerseits natürlich die große Verantwortung, andererseits hat man auch gewisse Rechte und ist nicht nur die Schwester, sondern die gesetzliche Betreuerin. Nun durfte ich die wichtigen Entscheidungen treffen. Ich denke, als Geschwisterteil hat man eine größere Distanz als die Eltern. Denn das Kind bleibt doch immer das Kind. Vor allem bei Menschen mit Behinderung, die eine Abnabelung von den Eltern nicht vollziehen können oder wollen.

Ein riesen Schritt für unsere Familie war der Umzug meines Bruders ins Wohnheim der Lebenshilfe. Zu dieser Zeit hatte ich schon die Betreuung inne und konnte diese enorm wichtige Entwicklung zu einem deutlich selbstbestimmteren Leben für Helmut initiieren und begleiten. Wir konnten bei ihm tolle Fortschritte der Selbständigkeit beobachten. Einige Jahre später hatte mein Bruder die Gelegenheit, in ein anderes Wohnheim umzuziehen. Eines, das näher in der Stadt liegt und dadurch noch mehr Freiheiten bietet. Dies zu unterstützen, hat mir wirklich Spaß gemacht.

Die Arbeit des Vereins und der Gedanke, dass durch eine Elterninitiative ein so vielfältiges Angebot und eine große, starke Gemeinschaft entstanden ist, begeistert mich noch immer. Meine Verbindung zum Verein hat mich mit vielen interessanten, netten, lustigen, empathischen und einfach besonderen Menschen zusammengebracht, das möchte ich nicht missen. Seit über vier Jahren bin ich nun im Vorstand tätig und mein Bruder Helmut ist darüber stolz wie Oskar.

Bilder: Stefanie Giesder

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