Im Gespräch mit Wolfgang Neumayer

03.12.2019 09:46
Wolfgang Neumayer Porträtfoto

Interview mit Wolfgang Neumayer, dem neuen 1. Vorsitzenden der Lebenshilfe Ostallgäu

Herr Neumayer, Sie sind langjähriger Weggefährte der Lebenshilfe Ostallgäu. Welche drei Meilensteine fallen Ihnen ein, wenn Sie auf Ihre bisherige Zeit zurückblicken?
In 40 Jahren habe ich viele Meilensteine erlebt. Einen sehr Wichtigen gab es in den beginnenden 80iger Jahren. Damals ist es gelungen, durch die Wahl eines neuen Vorstandes Ruhe in jahrelange, lähmende Streitigkeiten zu bringen. Über 20 Jahre lang haben Herr Glüder und Herr Linder als 1. und 2. Vorsitzende die Lebenshilfe mit viel Umsicht geleitet und die Grundlage für heute gelegt.
Ein weiter Meilenstein waren die Entscheidungen der 90-iger und Nuller-Jahre, das klassische Lebenshilfe-Terrain zu erweitern und sich zu öffnen. Einerseits für neue Personengruppen und Angebote wie etwa im Bereich Jugendhilfe, andererseits für Integration und Inklusion. Auch wenn das damals noch sehr schwierig war und von manchem nicht verstanden wurde. Aus heutiger Sicht waren diese Entscheidungen eminent wichtig.
Zu einem großen Meilenstein kam es erst in jüngster Zeit mit der Entscheidung, die Lebenshilfe neu zu strukturieren und die Vereinseinrichtungen mit den Wertachtal-Werkstätten unter einer Geschäftsführung zusammen zu fassen. An vielen Stellen sehen wir bereits jetzt, welche Fortschritte diese Entscheidung gebracht hat. Ich bin überzeugt, dass man in einigen Jahren auf diese Weichenstellung als eine der Wichtigsten in der Lebenshilfegeschichte zurückblicken wird.

Warum haben Sie sich für ein Ehrenamt bzw. den Posten des 1. Vorsitzenden zur Verfügung gestellt?
Ich engagiere mich grundsätzlich gerne für soziale Anliegen. Nach meinem Wechsel aus der Geschäftsführung in den Ruhestand hatte ich aber nicht geplant, im Vorstand tätig zu werden. Ehemalige Kollegen und Weggefährten haben mich darauf gebracht. Nachdem mir die Lebenshilfe sehr wichtig ist, und ich dort ein sehr erfülltes Berufsleben verbringen durfte, dachte ich: o.k. vielleicht kannst du etwas zurückgeben. Heute bin ich froh über die Entscheidung, denn die Tätigkeit im Vorstand finde ich sehr erfüllend. Außerdem macht es Spaß, mit unserem tollen Geschäftsführungsteam zusammen zu arbeiten.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft der Lebenshilfe – allgemein und speziell für die Lebenshilfe Ostallgäu?
Die Herausforderungen, vor der wir als Lebenshilfe insgesamt und auch im Ostallgäu stehen, sind sehr komplex. Einerseits müssen wir bestehende Angebote erhalten, solange es einen Bedarf bei den Menschen dafür gibt. Wir müssen diese aber andererseits auch weiterentwickeln, und zwar im Sinne der Behindertenrechtskonvention und des Bundesteilhabegesetzes. Das bedeutet konkret: die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen mit Behinderung noch mehr zur Leitlinie der Begleitung und Betreuung zu machen. Es bedeutet, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten auszubauen selber über ihr Leben zu bestimmen. Und es bedeutet, mehr Brücken aus den klassischen Behinderteneinrichtungen heraus ins normale Leben zu bauen.
Parallel dazu müssen wir uns Gedanken über neue Angebote machen, und diese auch umsetzen. Angebote, die mehr auf die individuellen Wünsche eingehen, und die im jeweiligen Lebensraum stattfinden. Dass Menschen mit Handikap am ganz normalen Leben teilhaben können, darum wird es gehen. Dafür werden wir viele neue Formen von Assistenz benötigen.
Meine Vision ist, dass die Lebenshilfe Ostallgäu ihre Bildungs-, Arbeits-, Freizeit-, Wohn – und sonstigen Angebote so umsetzen kann, wie es die Menschen mit Behinderung jeweils für sich wünschen. Und zwar so oft das irgend möglich ist!
Ein neuer Begriff lautet »Selbstvertreter«. Damit ist gemeint, dass Menschen mit Behinderung mehr Möglichkeiten und Rechte erhalten sollen, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Dies mit allen Konsequenzen umzusetzen, ist nicht einfach, und trotzdem ein wichtiges Ziel.
Bei den ganzen Prozessen dürfen wir die Eltern und Angehörigen nicht aus den Augen verlieren. Sie haben ein berechtigtes Interesse am Wohlergehen der von uns begleitetet Menschen. Wir müssen sie gut einbeziehen und immer wieder nach einem Ausgleich der vielleicht manchmal verschiedenen Vorstellungen suchen.
Auf lange Sicht will die Lebenshilfe dreierlei sein: Ein Elternverband, ein Selbstvertreterverband und ein Trägerverband. Ich finde das gut.
Schließlich müssen wir uns an vielen Stellen mit Gesetzen, Kostenträgern und der Politik auseinandersetzen, damit all das auch finanziert werden kann.
Und auch noch wichtig: ich glaube, dass wir in Zukunft mehr Kooperationen und Partnerschaften mit anderen Anbietern eingehen müssen, denn die Lebenshilfe wird nicht alles alleine machen können.
Also, es gibt viel zu tun.

Haben Sie sich Schwerpunkte gesteckt, die Sie in den nächsten Jahren fokussieren möchten?
Alles, was ich zur vorherigen Frage gesagt habe, ist wichtig. Aber klar ist, wir können nicht alles gleichzeitig machen. Und ich denke, dass jeder kleine Schritt wertvoll ist. In der kommenden Vorstandsperiode wollen wir ganz konkret z.B. die Möglichkeiten der Selbstvertretung ausbauen, ein neues Leitbild entwickeln, unsere Satzung anpassen und vor allem mit dem WKS-Modell die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung weiter ausbauen. Wir wollen alle Initiativen innerhalb der Lebenshilfe Ostallgäu unterstützen, die sich mit Kreativität und Optimismus an die Entwicklung neuer Angebote machen.
Wichtig ist auch, dass wir den Verein zukunftsfest machen. Als Träger der Einrichtungen ist er zurzeit unverzichtbar. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, auch in Zukunft Trägerverantwortung zu übernehmen. Vielleicht müssen wir uns verstärkt Gedanken über neue Rechtsformen machen.

Wie sehen Sie die Rolle des Vorstands innerhalb der Lebenshilfe Ostallgäu?
Der Vorstand ist vereinsrechtlich nach der Mitgliederversammlung das wichtigste Gremium des Vereins Lebenshilfe. Immer da, wo die Lebenshilfe auch als Träger von Einrichtungen auftritt, hat er gleichzeitig die Rolle des Arbeitgebers, ehrenamtlich wohlgemerkt! Und das ist eine große Herausforderung. Die Lebenshilfe Ostallgäu ist quasi ein mittelständisches Unternehmen mit ca. 800 Arbeitnehmern. Die ehrenamtliche Vorstandstätigkeit kann da nur funktionieren, wenn die Schnittstelle zur hauptamtlichen Geschäftsführung gut geregelt ist und von allen Beteiligten mit viel Umsicht gepflegt wird. Grob gesagt ist der Vorstand für die grundlegenden Unternehmensentscheidungen zuständig, die Geschäftsführung für deren Umsetzung und das Alltagsgeschäft. Es ist wichtig, dass sich der Vorstand an diese Aufgabenverteilung hält und nicht unmittelbar im Alltag mitmischt.
Ich freue mich, dass diese Schnittstelle bei der Lebenshilfe Ostallgäu sehr gut funktioniert.

Mittlerweile zählt die Lebenshilfe Ostallgäu mit den Wertachtal-Werkstätten zu einem der größten Arbeitgeber in der Region. Wie hält man da den Kontakt zu den einzelnen Einrichtungen?
Das ist nicht so einfach, vor allem, weil sich der Vorstand wie bereits erwähnt nicht unmittelbar in das tägliche Geschehen einmischen will. Wir werden deshalb in erster Linie von der Geschäftsführung darüber informiert, was in den Einrichtungen läuft. Wir kommen aber gerne, wenn wir von Einrichtungen eingeladen werden, oder wenn wir uns über bestimmte Fragestellungen direkt informieren möchten. Und selbstverständlich stehen wir zusammen mit der Geschäftsführung und im Rahmen unserer Aufgaben für die Lösung von Problemen zur Verfügung.

Was sagen Sie zum Thema Verein und Mitglieder?
Ich habe schon darauf hingewiesen, wie wichtig der Verein ist. Unser Ziel ist es, die Vereinsmitgliedschaft und das Vereinsleben attraktiver zu machen. Je mehr Mitglieder wir haben, umso stärker können wir die Interessen der Menschen mit Behinderung gerade in stürmischen Zeiten vertreten. Und je überzeugender wir als Verein sind, mit all dem was wir tun, umso eher werden auch in Zukunft Menschen bereit sein, Verantwortung im Vorstand zu übernehmen.

Was bereitet Ihnen Sorgen oder Kopfzerbrechen?
Wirkliche Sorgen mache ich mir um die Lebenshilfe Ostallgäu nicht. Eher Kopfzerbrechen an manchen Stellen. Ein paar Beispiele:
Wie können wir die Menschen mit Behinderung, die Eltern und Angehörigen, sowie (ganz wichtig!) unsere Mitarbeiter*innen bei den ganzen Veränderungen so einbeziehen, dass wir ein gutes Miteinander und eine hohe Zufriedenheit erreichen können?
Wo und wie finden wir die richtigen Mitarbeiter, Vorstände und Partner, damit wir die kommenden Jahre gut schultern können?
Wie schaffen wir es konkret, unsere bestehenden Angebote im oben beschrieben Geist weiterzuentwickeln?
Wie vermeiden wir Fehlentwicklungen oder Versäumnisse?
Bei all dem bin ich aber sehr optimistisch. Wenn wir die Herausforderungen nicht als Bedrohung, sondern als Chancen begreifen und dabei konstruktiv, kreativ und mutig vorangehen, werden wir die Dinge gut meistern.

Wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Ich bin erreichbar über die Lebenshilfe- Geschäftsstelle, die Kontaktwünsche an mich weiterleitet, aber auch per Mail (w.neumayer@lh-oal.de) oder Telefon (0151 556 900 43).

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